Reise zum großen See – Teil II

Wir satteln unsere Räder und treten in die Pedalen. Bei wolkenlosem Himmel durchfahren wir auf einer Asphaltstraße das mongolische Land. Getreidefelder stehen am Wegesrand, bald wird geerntet, nahezu ein jeder der uns entgegenkommenden Autofahrer begrüßt uns durch Huperei und Winken. Nach einem größeren Berg dürfen wir erneut eine lange Abfahrt genießen. Wieder ist es eine Abfahrt, wo das Herz so leicht schlägt und man mit einem Gefühl der Freiheit überfüllt ist. Rechts eine unendliche Weite, gleich nebenan ein Bergpaket, die Sonne steht bereits etwas tiefer am späten Nachmittag und in der Ferne eine Staubwolke die von einem Jeep hochgewirbelt wird.

Ich mache Halt, steige vom Rad, gehe auf die Wiese und halte inne, wenig später treffe ich den Schweizer weiter unten auf der Straße, einander ein Blick in unsere Gesichter macht jedes gesprochene Wort überflüssig: der Moment ist einfach geil!

Das Tal in dem wir eintreffen beherbergt auf frischem Wiesengrund, ein Fluss schlängelt sich hier nämlich durch, ein paar Jurten und umherstreifende Viehherden. Am Straßenrand ganz verlassen auf einsamer Flur ein Magazin, wir kaufen dort unser Abendbrot ein und treffen dabei den Polen Thomas. Thomas ist mit seinem Rucksack seit zwei Monaten in der Mongolei unterwegs. Wir kommen vor dem Magazin schnell in ein gutes Gespräch, trinken dabei ein Bier und beschließen, da die Sonne untergeht, gemeinsam die Nacht zu verbringen.

Thomas ist zu Fuß unterwegs, also schlagen wir, der Schweizer, der Mecklenburger, der Berliner und der Pole unweit des Magazins im Wiesengrund, gleich neben dem Schlängelfluss, unsere drei Zelte auf. Da wir uns in einer so gesehen großen Senke befinden, wird es schnell kühl – Feuerholz muss heran. Aber hier gibt es nur Wiese… .

Aber nein, kann man aus getrocknetem Kuh- und Pferdedung nicht auch ein Feuerchen zünden? Also werden die nun anstehenden Aufgaben verteilt; nach dem Zeltaufbau kümmern sich Alex und Sébastien um das Abendbrot, Thomas und ich gehen mit zwei Plastiktüten bewaffnet auf Kuhmistsuche.

Und wie wir so die Wiese ablaufen und uns über jeden gefundenen Fladen freuen, rutscht Thomas es irgendwann so raus „…well….I don’t believe in this shit“, pickt gefühlt den letzten tellergroßen Fladen auf und verschwindet. An unserer Feuerstelle angelangt können wir immerhin zwei Einkaufsbeutel ausleeren. Ich mach mich mit Thomas daran den Dung zum Brennen zu bringen….und siehe da: Es brennt. Es brennt zwar nicht wie ein normales Holzfeuer, aber es ist eine beständige Glut da, große Flammen fehlen, der Rauch dick, schwer und stinkt.

Wir reden bis spät in die Nacht, Gesprächsstoff ist genug vorhanden, wärmen unsere Hände am Fladenfeuer, bis der letzte Dungteller verbrannt ist. Morgens läuft eine Kuhherde am Zelteingang vorbei und während wir unsere Sachen zusammenräumen, gesellt sich ein alter Mann zu uns, kniet vor sich hin und beobachtet uns stillschweigend. Er sitzt fast regungslos eine Stunde an seinem Platz und macht nichts außer zu gucken. Wenn jede Falte in seinem Gesicht für ein Lebensjahr stände, so wäre er gut 150 Jahre alt.

Wir drei fahren gen Süden, der Thomas muss gen Norden weiter. Wieder mal einer der unzähligen Abschiede von einem Menschen auf dieser Reise, wo man sich denkt, schade drum, dass man nur so wenig Zeit miteinander hatte. Die Option sich in diesem Leben einst wiederzusehen, ist auf jeden Fall gegeben – das nächste Mal aber mit richtigem Feuerholz!

An diesem Tage erreichen wir ‚Dachan‘, die drittgrößte Stadt in der Mongolei. Auf gerader Straße und karger Steppenlandschaft führt uns der Weg dorthin. Mir wurde in Novosibirsk von einem Mädchen eine Pferdehandpuppe geschenkt und ich mache es mir zum Spaß mir die entgegenkommenden Autofahrer damit zu begrüßen – kam gut an. Eine Kamelherde steht neben der Straße, der Schweizer und ich halten an und bestaunen die Tiere. Kamele sind mir etwas suspekt, ihr Blick ist so nichtssagend leer.
Kamelleere.
Aber wenn sie etwas kauen, strahlen sie eine bestimmte Gelassenheit aus, als wenn sie über alle Dinge der Welt stehen würden und absolut sorgenfrei wären. Jedenfalls versuchen wir die Tier zu berühren, man kommt auf gut zwei Meter ran und dann machen sie einen Satz nach vorne oder laufen weg.

Kurz vor der Stadt Dachan wartet Alex mit einem Keks im Mund auf uns. Auch wir haben Hunger, also verputzen wir erstmal eine große Tüte Kekse. Gleich nebenan ist ein Schrotthändler. Wir benötigen ein kleines Rohr für eine gebrochene Zeltstange, zudem würde Sebi gerne ein Blech als Windschutz für seinen Benzinkocher haben. Beides erhalten wir dort zum Nulltarif. Der Schrotthändler schickt zudem seine beiden Söhne uns etwas zum Essen anzubieten. An dieser Stelle machen wir zum ersten Mal die Bekanntschaft mit dem ultraharten mongolischen Hüttenkäse ! Steinhart das Zeug ! Kauen aussichtslos, will man sich nicht die Schneidezähne wegknacken. Das ist ungelogen so harter Käse, dass man größere Stücke als Wurfgeschoss benutzen könnte: „Hände hoch, ich habe mongolischen Käse in der Hand!“ Es gelingt einem zwar, wenn man lang genug mit den Zähnen daran nagt, ein bisschen Käsestaub abzuschaben, aber Kauen und Beißen bleiben völlig ausgeschlossen (eher eine Art Käselutscher) und dabei schmeckt es so lecker.

In Dachan erledigen wir ein paar Einkäufe, besorgen uns mongolische SIM-Karten und treffen beim Essengehen in einer Art Kantine die zwei Schweizer David und Sami. Die beiden Jungs sind auf großer Reise mit ihrem Jeep unterwegs, 11 Monate werden sie den Erdball bereisen. Und da wir wissen, dass die besten Gespräche abends stattfinden, beschließen wir, dass wir uns außerhalb der Stadt treffen, um gemeinsam zu campieren und gemeinsam in Alexs Geburtstag hineinzufeiern, denn heute ist der 03.09.2012.

Sie stehen auf einem Hügel mit ihrem Jeep, Kartoffeln sind geschält und Bier steht auf dem Campingtisch. Die Gegend erinnert uns an eine afrikanische Savanne. Ein Pferd läuft frei herum. Alles in allem sind nur wir hier und haben Blick auf die „Skyline“ von Dachan, welches 15 km vor uns liegt. Wir drei bauen unsere Zelte auf, kochen gemeinsam und haben einen tollen Abend, auf dem mehr Schweizer denn Hochdeutsch gesprochen wird. Punkt 0 Uhr kriegt Alex eine dicke, fette, pankreasfeindliche Geburtstagstorte geschenkt. Das hätte sich Alex vor einem Jahr bestimmt nicht erträumen lassen, dass er 2012 seinen 24’ten Geburtstag mit drei Schweizern und mir in der Mongolei feiern wird. Es wird so kalt draußen, dass ich mir ja wirklich alles anziehe was ich mithabe und keiner mehr Bier trinken möchte.

Am nächsten Morgen ist es ein Hund der aus dem Nichts kam und uns stille Gesellschaft leistet. Die Sonne brennt ganz schön an diesem Tag und auch der Hund bevorzugt es, nur im Schatten des Jeeps zu hocken. Wir frühstücken, verputzen die letzten Tortenstücke. Danach mache ich mich an mein Hinterrad zu schaffen. Der Leerlauf des Rücktritts ist hinüber und die Achse hat Spiel, Außerdem finden wir auch bei mir einen Riss in der Narbe. Zum Glück habe ich eine Ersatznarbe dabei, damals gekauft in Volgograd und die 7000 km also nicht umsonst mitgeschleppt.

Da der Tag gerade anfängt, beschließen wir noch ein wenig zu fahren und den Hinterradnarbenaustausch abends zu erledigen. Ganz geheuer ist mir dieses Unterfangen nicht, weil keiner von uns je ein Rad komplett neu eingespeicht hat. Einen Zentrierständer haben wir zudem auch nicht dabei. Eine andere Wahl gibt es aber nicht. Mit einem kaputten Rücktritt kann man kein Fahrrad fahren, da sobald man aufhört zu treten, die Kette schlaff herunterhängt und sich nicht strafft – absolute Unfallgefahr. Die beiden Schweizer fahren nach Ulan Batar weiter, wir müssen uns aber noch in diesem Leben wiedersehen, da ich eine Wette verloren habe. Ich muss dem David irgendwann mal eine Gondelfahrt in der Schweiz spendieren, denn leider ist der Baikalsee flächenmäßig viel, viel kleiner als der Viktoriasee.

Ich verbrenne mir an diesem Tag meine Nase und Arme, kriege Tage danach richtig viele Brandblasen – die Sonne ist kräftig. Irgendwo in der Pampa schlagen wir unsere Zelte auf einem Hügel auf und machen uns daran zu schaffen mein Hinterrad neu einzuspeichen. Das Ausspeichen ist schnell getan, jedoch beim Einsetzen der neuen Speichen kriegen wir nach drei Stunden eine Krise. Irgendwo steckt der Wurm drinnen, einige Speichen sind beim Anziehen immer noch zu locker, doch finden den Fehler vorerst nicht. In dem Fahrradreperaturbuch, welches ich mithabe, steht irgendwo geschrieben „…und kommen Sie beim Einspeichen nicht weiter, Rad in die Ecke stellen und am nächsten Tag weitermachen.“. Genau das taten wir auch und machten uns noch einen schönen Abend, denn der Alex hatte ja immer noch Geburtstag. Wir aßen und saßen dann vor unseren Zelten und genaßen die Einsamkeit bei guter Musik. Eine riesige Nebelwolke hüllte den Berg vor uns ein, als säße man vor einem riesigen grauen Meer – fantastisch!

Am nächsten Morgen stehen wir extra früher auf. Alex ist es schließlich zu verdanken, dass die Narbe nach weiteren Stunden endgültig richtig eingespeicht wurde – er hatte das System verstanden und den Fehler eines falschen Speichenverlaufes entdeckt. Danach zog ich noch für gut eine Stunde die Speichen an und beseitigte alle groben Höhen- und Seitenschläge und siehe da; bis dato fährt sich alles tadellos!

Heiter,immer,weiter… .

Die Landschaft ist immer noch baumlos, die Sonne immer noch intensiv. Ich muss mein Gesicht komplett mit einem weißen Tuch verbinden, da wir keine Sonnencreme haben. Schöne Fotografien entstehen an diesem Tag. Vor allem dem Sébastien ist es zu verdanken, dass von Alex und mir wunderbare Aufnahmen aus der Mongolei existieren! Danke dir Sebi!

Als wir abends an einem Bergkamm zelten, können wir es kaum fassen, dass es Mücken sind, die hier herumschwirren. Wir dachten deren Zeit wäre längst gekommen… ! Die Biester nerven ganz schön und es sind wieder einmal die winzig kleinen Stechfliegen dabei. Jeder von uns schleppt an diesem Abend und kommenden Morgen seine eigene persoenliche Stechwolke mit sich, die einem auf Schritt und Tritt nachfliegt. Fluchworte schallen durch die Luft! Ein Mongole reitet am Abend über die weite Ebene und treibt eine Pferdeherde ein. Morgens kommt von dem Berg eine Frau mit einem Karren und zwei Kanistern, um Wasser vom Fluss zu holen. Sie müht sich beim Hochschleppen ganz schön ab.

Wir erreichen an diesem Tage Erdenet, die zweitgrößte Stadt der Mongolei. Erdenet entspricht nicht gerade unserem Städtegeschmack, ist hektisch und lädt nicht zum Langebleiben ein. Jedoch müssen wir uns hier warme Klamotten besorgen, vor allem ich, der mit seinem Schlafsack einfach mal den schwarzen Peter gekauft hat. Durch unsere Besorgungen wird es auch schon Abend und wir stecken immer noch in der Stadt fest. Also beschließen wir zu dem Pizzarestaurant zu fahren, wo wir am Nachmittag ein Stück Pizza aßen. Der Besitzer Marco war ja sehr nett, kommt aus Rom und hat eine mongolische Frau. Ein bisschen verdutzt war er schon, als wir ihn abends fragten, ob er uns bei einer Unterkunft helfen könnte. Doch Sébastien fing auf einmal an Italienisch mit ihm zu sprechen und zu verhandeln. Alex und ich ganz verdutzt darüber. Schließlich gaben wir Marco als Vertrauenserweis, dass wir ihm nicht die Bude abfackeln werden, unsere Pässe und durften in seinem Restaurant auf dem Boden schlafen.

Hier schmieden wir die Pläne für die kommenden Tage. Wir würden gerne auf Sebis Vorschlag hin, zum zweitgrößten Süßwassersee der Mongolei fahren, dem Choewsgoel Nuur. Um genug Zeit am See mit seiner atemberaubenden Natur zu haben, beschließen wir am kommenden Tag einen Transport für die gut 450 km bis dorthin zu finden.

Wir finden uns am Stadtrand mit unseren Rädern am nächsten Tag auf einem LKW- und Bushalteplatz ein. Wir sprechen einen Mongolen an, erklären ihm wo wir hinwollen und eh wir uns versehen, stehen vier, fünf weitere Mongolen um uns herum. Er könnte uns mitnehmen und zeigt auf seinen LKW. Der Mongole heißt „Seia“. Wir ahnten nicht, dass uns 20 Stunden verrückte LKW-Fahrt auf einer dunklen, quietschenden und vor allem unkonfortabelen Ladefläche bevorstehen würden ! Nachdem wir den Preis ausgehandelt haben, hieven wir Räder und Gepäck auf die Ladefläche. (Ich müsste noch einmal einen Text von 2000 Wörtern schreiben, um diese Teufelsfahrt detailgetreu wiederzugeben.)

Der LKW ist mit vielen Kartons und drei großen Teppichrollen beladen, wir müssen uns erst Platz machen um selber sitzen zu können. Nachdem Räder und Gepäck drinnen sind, steigen wir ein, die Ladefläche wird geschlossen, es ist dunkel, nur ein paar Lichtstrahlen dringen durch die paar Schlitze der Abdeckung. Wir fahren los. Nach 10 Minuten kurzer Halt an einem Magazin. Irgendwie aus einer Art Vorahnung heraus(es war die richtige Entscheidung), kaufen wir uns Bier und eine kleine Flasche Vodka, um uns so die Fahrt erträglich zu machen. Seia und sein Beifahrer fragen uns, ob wir nicht nach vorne in die Fahrerkabine kommen wollen, es passen aber nur zwei Leute hinein. Sébastien störte sich nicht daran, für eine Weile alleine hinten drinnen zu sitzen, also stiegen Alex und ich nach vorne zu Seia und Fahrer ein. Seia war zu diesem Augenblick nur der mittrinkende Beifahrer. Zum Anstoßen hat er uns zwei mongolische Wörter beigebracht. Ein jedes Mal wenn wir diese sagten und man wollte dass wir diese voller Inbrunst schreien, krümmten sich beide vor lauter Lachen. Und sie haben sich nicht nur einmal darüber gekrümmt, nein sie taten es immerzu. Diese Menschen konnten wirklich 20 Stunden darüber lachen, wie wir als Deutsche diese beiden Wörter sagten. Eine kurze Ansage von uns und wir hätten sie ausrauben können, so sehr lachten sie. Viele Tage später erfuhren wir den Inhalt der beiden Worte… war etwas Schmutziges wie man sagen würde.

Nach gut einer Stunde der Mitfahrt in der Kabine, stiegen wir zurück zum Sebi. Ihm ging es auch gut, zwei Bier waren die seinen. Und so holperten wir die 400 km die Straße entlang, welche keine wirkliche Straße war, sondern nach 50 km sich in eine Piste ohne Asphalt inmitten durch Niemandsland verwandelte. Wir machten irgendwann halt mitten im Nirgendwo. Das war eine mongolische LKW-Raststätte, noch 2 andere LKWs standen hier und eine Jurte als Verpflegungshütte. Hier saß eine dicke Frau im künstlichen Leopardenkleid hinter dem Ofen und schenkte den Gästen ein. Wir treten ein: Unser erstes Mal in einer mongolischen Jurte.

Seia bat uns Eirak an. Vergorene Stutenmilch. Geschmacklich einmalig und mit Nichts zu vergleichen. Für mich schmeckt es wie kaltes Pilzwasser gemischt mit Kefirmilch. Uns hat es geschmeckt. Wir hörten ja, dass man beim Erstgenuss desselben etwas Vorsicht walten lassen soll, da viele Menschen danach akuten Durchfall bekämen, aber das war uns in diesem Augenblick irgendwie egal und jeder trank seine 0,75 Liter davon. Verdauungsprobleme bekamen wir keine, aber zu Kopfe stieg es schnell.
Zurück in den Laster und weiter ging es…am Abend irgendwo halt – Toilettenpause. Sébastien und ich haben jeweils einmal mit Seia dem Mongolen auf dem Sandweg gerungen, wir haben beide verloren, Seia war einfach viel stärker. Insgesamt sind wir zwei LKWs die nach Moeroen der größeren Stadt südlich des Sees fahren. Also sind wir bei jedem Stopp wir drei Radler, sowie die insgesamt vier Fahrer und Beifahrer der beiden LKWs. Überall wo wir hinkamen traten wir stets als fahrende Gemeinschaft auf, was sehr witzig war, als wir nachts irgendwo in der Pampa einen Halt zum Essen einlegten. Ja….es wurde Abend, dunkel und schließlich Nacht. Gegen 2 Uhr haben wir versucht uns schlafen zu legen, was de facto nicht möglich war, Alex und Sebi lagen leicht über mir auf jeweils einer großen Teppichrolle. Ich befand mich gleich am Ladeflächeneingang, wo die kalte und staubige Zugluft mich ordentlich durchfror. Außerdem hatte ich keinen Teppich unter mir sondern einen Karton unter meinen Beinen und einen gusseisernen Ofen im Kreuz. Am nächsten Morgen hatte ich eine riesige Schürfwunde plus horrende Rückenschmerzen, dank der Schläge vom Ofen.

Durch die Schlaglöcher auf der schlechten Piste hoben wir so manches Mal 30 cm ab und ein „AUAAAAH !“ oder „AU !“ hallte von uns dreien durch die Ladefläche. Dazu kam das unentwegte fiese metallische Quietschen und Klappern des LKWs und seiner Ladung, welche uns ebenso die Möglichkeit nahmen in einen tiefen Schlaf zu fallen. Man, was wurden wir durchgeschüttelt !
Wir waren heidenfroh als der LKW am Vormittag gegen 11 Uhr in der Stadt eintraf. Ende der Tortur. Erst dort bemerkte ich meine Wunde am Rücken und den ganzen Schmerz der mir durch Lendenbereich und Kreuzbein zog.

Räder abgeladen und bepackt – noch einmal das schlimme Wort, den mutmaßlichen Trinkspruch auf Bitte aufgesagt, noch einmal haben alle Fahrer wie verrückt darüber gelacht – und wir machen uns davon. Um zu den See noch heute zu gelangen, müssen wir erneut eine Fahrgelegenheit für die 100 Restkilometer finden. Wir finden eine Art Minibusabfahrplatz, handeln einen Preis aus und haben noch gut drei Stunden bis zur Abfahrt Zeit um sich diese unwirkliche Stadt anzugucken. Menschen, viele darunter in mongolischer farbenfroher Tracht, drängen sich durch die engen Händlergassen und Marktstände. Nur mit Mühe schaffen wir es unsere Räder hindurch zuschieben.

Neben einheimischen Produkten findet man viele chinesische Ramschware. Hier kauft sich nun endlich auch Alex seinen passenden Cowboyhut, Sébastien und ich taten dies bereits beim Winterklamotteneinkauf in Erdenet (Stadt wo wir im Pizzarestaurant schliefen). Nun da unsere Häupter die rechte Zierde haben, kann es endlich losgehen. Natur pur, die Wildnis wartet auf uns. Wir steigen in den Bus und fahren zu einer kleinern Ortschaft, 100 km weiter direkt am See gelegen. Der Ort heißt „Khatgal“ – spricht sich aber wie ein schlimmes „Chchratgal“ aus. Wir haben mit der Aussprache der mongolischen Sprache die allergrößten Schwierigkeiten. Eine Sprache die nur aus „Chrrr-, Xchr-, Cha-Lauten“ zu bestehen scheint. Selbst heute kann ich nicht korrekt „Danke“ auf Mongolisch sagen. Dagegen war Russisch kinderleicht.

Eine Frau die gut Englisch spricht sitzt auch in dem Bus. Wir unterhalten uns die gesamte Fahrt über mit ihr. Schließlich lädt sie uns zu sich und ihren Eltern ein, denn es wurde bereits dunkel als wir Khatgal erreichen. Wir werden in das Haus zunächst zum Essen und Teetrinken eingeladen. Mongolischer Tee: Schwarztee mit frischer Kuhmilch und Salz – klingt ungewöhnlich, schmeckt aber ausgezeichnet!

Wir kriegen eine vegetarische Suppe zum Essen. Sie und ihre beiden Eltern sind Vegetarier, was uns als die Ausnahme zu sein scheint, da man sonst in jedem Gericht was wir bisher aßen, das überaus geschmacklich starke Schafsfleisch mit bei hatten. Mongolisches Essen ist fettig und fleischreich, Salatbeilagen gibt es nicht. Zudem läuft hier im Hause der Eltern noch deren kleine fast 3-jährige Enkelin herum. Ein süßes kleines mongolisches Kind, was immer zum Opa läuft und auf den Arm will und wenn es das nicht schafft, sich zumindest an seinem Hosenbein festhält. Wir schauen den alten Leuten noch beim Kühemelken zu, es sind zwei Yaks dabei.

Yaks sind überaus zottelige Rindviecher, grunzen wie Schweine und können ohne Mühe und Not Temperaturen von -20 Grad aushalten. Wir begegnen auf unserer Fahrt am See noch hunderten von Yaks.

Das Haus ist nur im Erdgeschoss bewohnt und besteht aus einem großen Raum in der nur der zentral liegende mit Holz befeuerte Herd, kniehoch, als Trennwand für die einzelnen Lebensbereiche, Küche, Stube und Schlafraum dient. Nach dem Essen, es fängt heftig an zu regnen fahren Opa und Enkeltochter nochmal eine Runde Motorrad. Die kleine sieht in ihrem dicken Regenanorak richtig niedlich aus und ist total großvaterfixiert, bei ihm fühlt sie sich sicher. Später erzählt oder warnt besser gesagt, der Opa uns vor Wölfen und Bären rund um den See mit seinen dichten Lärchenwäldern. Er selber hat früher so einige Wölfe geschossen. Wölfe fallen einen an und beißen, der Bär verpasst dem Menschen erst einem Eine mit seiner Pranke, wonach man auch gleich zu Boden geht.

Wir dürfen in der Wohnstube schlafen, gleich nebenan keine zwei Meter ohne richtigte Trennwand schlafen die Eltern, die Frau und Enkeltochter. Diese, ich nenne es einmal intime Lebensenge, ist hier in der Mongolei etwas ganz Normales. Auch von Russland her waren wir es gewohnt, dass man auf engsten Wohnbereich zusammen wohnt. Etwas für uns Deutsche sehr ungewöhnliches.

Wir drei sind total erledigt von unserem LKW-Ritt und gehen bereits kurz nach 22 Uhr tief und fest schlafen. Frühstück; selbstgemachtes Brot und hausgemachter Joghurt gibt es am nächsten Tag. Die kleine läuft in einer blauen Tracht mit orangem Stoffgürtel herum, welches mit einem Wildscheinhauer zugeschnürt wird. Wir informieren uns nochmals über die Piste. Es stehen uns bis zur Nordseite des Sees gut 170 km bevor, wofür man als Autofahrer rund einen Tag braeuchte. Die Westseite des Sees sei wohl unpassierbar, auch wenn in der Karte eine Linie als Weg eingezeichnet ist. Die Ostseite auf der wir entlangfuhren, ist für einen normalen PKW ebenso unpassierbar, man braucht ein Motorrad oder einen Jeep – das können wir bestätigen!

In Khatgal kaufen wir Lebensmittel für ca. drei bis vier Tage ein, die nächste Einkaufsmöglichkeit liegt 170 km entfernt.
Ausgerüstet mit drei Laibern Brot, Nudeln, Reis und Schokolade brechen wir auf. Gleich am Ortsausgang befindet sich eine Holzbrücke und einer der schönsten (wenn nicht sogar der schönste) Teil unserer gesamten Radtour beginnt… .

 
 
 

2 Kommentare zu “Reise zum großen See – Teil II”

  1. Bericht aus der Mongolei | Sébastien unterwegs auf zwei Rädern
    26. September 2012 um 07:11

    […] Reise zum grossen See – Teil II http://www.heiter-immer-weiter.de/2012/09/23/1766/ […]

  2. Carlos
    30. September 2012 um 12:34

    „und genaßen die Einsamkeit“ hat mir grad sehr gefallen 😀 Heißt das so? Einfach total klasse!

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